Mittwoch, 29. April 2009

Wildbirds & Peacedrums _ The Snake










Selten gab es einen Albumtitel, der so treffend den Vibe einer Platte wiederspiegelte, wie der des schwedischen Haldern Pop Neuzugangs Wildbirds & Peacedrums. ‚The Snake‘ rasselt und rattert, sich fast nur auf die Percussions von Andreas Werliin verlassend, knochentrockene Steppenlandschaften entlang, bis Mariam Wallentin sich arienartig erhebt und mit schlängelnder Intonation dem vielstimmigen Drumsound ein wenig – fast die einzige – Melodie injiziert. Dieser experimentelle Minimalismus wirkt zuerst verstörend, bis Wallentin – stimmlich eine weniger kratzbürstige Janis Joplin – kraftvoll zeigt, dass Stimmbänder ein erstklassiges Instrument sein können. Beispielsweise, wenn sie zwischen indianisch-kakofonen Ausrufen – das agressiv, auf den filmischen Showdown zusteuernde ‚There Is No Light‘ – und babypopoweichen Stimmabfahrten – das schleppende, fast zum Stillstand kommende ‚So Soft So Pink‘ – Liebe, Verlust und menschliche Abgründe thematisiert. Eine neue, wunderbar schräge Klangwelt, die es lohnt entdeckt zu werden. ‚Lost Without Your Rhythm‘, schon jetzt.

Freitag, 24. April 2009

Marching Band _ Spark Large




















Zwei Jungs – Erik Sunbring und Jacob Lind – aus Linköping, Schweden. Ich höre leichte bis seichte Melodien, inspiriert von The Shins, aber weniger Folk, weniger verschroben. Indie Pop/(Rock) mit einer Prise schwedischer Instrumentenaleigenheit – beispielsweise Xylophon – und, wie Slumdog Millionaire medientauglich angepriesen, außerordentlich viel „feel good“. Nicht umsonst wird auf der Band-Homepage als oberste Maxime ein Lächeln im Gesicht der Zuhörerschaft ausgegeben. Und für ein Lächeln reicht es auch größtenteils bei mir, selbst wenn mir der versprochene Twist ein wenig fehlt. ‚Sparke Large‘ ist etwas zu brav geraten und Marching Band von Inspirationsquellen wie Belle & Sebastian und The Shins noch ein kleines bis mittelgroßes Stück entfernt. Für eineinhalb Jahre gemeinsamen Musizierens trotzdem mehr als beachtlich. Songs wie ‚Everthing‘ oder ‚Gorgeous Behavior‘ machen Lust auf mehr. Guter Transfer, Haldern Pop.

Montag, 30. März 2009

Hjaltalín _ Sleepdrunk Seasons




Liegt es an der frischen Luft, der rauen Natur oder am für deutsche Flatrate-Kinder teuren Alkohol, dass Skandinavier so verdammt kreativ sind? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Nur eins ist sicher: was mir – dem Rolling Stone sei Dank – seit einiger Zeit in den Ohrmuscheln flufft, wird lange Zeit an besagtem Ort verweilen. Myspace beschreibt es mit Pop/Lounge/Showtunes (what the …?) oder „Classoul“, hört sich aber eher wie ein sich selbständig machender, knallbunt gefüllter Bonbonspender an. Im Minutentakt spuckt die neunköpfige isländische Band Hjaltalín warme, erdige Klangfarben aus, die sofort ihre Süße entfalten ohne Karies zu verursachen oder den faden Geschmack von Süßstoff anzunehmen. Der mal poppig, folkig, mal rockige Gesang von Sigga und Högni – der ein wenig an Adam Levine erinnert – schwingt mit wundersamer Leichtigkeit zwischen (überwiegend) Sommernachts-Freudengesängen – „Traffic Music“ und dem fast nur aus Refrain bestehende „Debussy“ – und dunstiger Melancholie – „I lie“. Wer dann noch die Hörerschaft so überzeugend an ein Fagott gewöhnt, der hat sich die Empfehlung mehr als verdient. Scheißcool und alles andere als schlaftrunken, diese Nordlichter.

Freitag, 30. Januar 2009

Greyboy: “15 Years of West Coast Cool”


15 Jahre, eine lange Zeit im wohl schnelllebigsten Geschäft auf Gottes Erdboden. 15 Jahre mit Instrumental Hip Hop und Jazz, einer sich an der Peripherie der Rentabilität bewegenden Kombination. Eine Ewigkeit. Dazu fünf Alben plus eine Litanei an Singles – beachtlich.
Doch genug der Lobhudelei, die hat Andreas Stevens – so Greyboy mit bürgerlichem Namen – gar nicht nötig. Mit “15 Years of West Coast Cool” hat er ein erstklassiges ‘Best Of’ zusammengestellt, das locker-fluffig, wie Johnny Weissmüller, zwischen Saxophon und Flöte, Hip Hop (Muddie und A.G. ), Soul (Nino Moschella), R’n’B (Bart Davenport), Funk (Sharon Jones) und eben Jazz umherschwingt und nie ins Leere greift. Tiefe Basslines, das routinierte Ohr sowie der geschulte Blick tragen Greyboy vielmehr in luftige Höhen.
Wenn einen da oben dann der jazzige “Whirlwind” – absoluter Anspieltipp – erfasst und die erwähnte Lockerheit mit einem Hauch von Geheimnis umweht, will man verdammt nochmal einen Plattenspieler mit Repeat-Funktion sein Eigen nennen, der den Track bis ultimo wiederholt, ohne dass man einen Finger rühren muss. Allerdings: das wäre wiederum eine Beleidigung für die restlichen Glitzersteine. Luxusprobleme.

Montag, 10. November 2008

Populous with Short Stories – Drawn in Basic

Weshalb Zach Braff, besser bekannt als Dr. „J.D.“ Dorian aus der Serie „Scrubs“, breit zu grinsen beginnt, wenn er Populous with Short Stories „Drawn in Basic“ hört? Vielleicht, weil er das Duo aus italienischem Electropop-Produzenten – Andrea Mangia – und amerikanischem Singer/Songwriter ­– Michael McGuire – ohne weiteres auf den „Garden State“ OST hätte packen können. Weil das Album nach Zero 7 oder Frou Frou plus X klingt. Mit lethargisch-melancholisch gehauchten Gesangbeiträgen von „Short Stories“ McGuire und dezent unaufdringlichen Synthie-Flächen, die zu eingängigen Melodien heranwachsen. Treibende, linear und simpel gehaltene Beatstrukturen, die, wie das „Basic“ im Titel schon andeutet, in ihrer Monotonie nie überfordern, trotzdem McGuires Stimme, als angenehmer Tupfer Dissonanz, dagegenhält. Nein, kein Zweifel: „Drawn in Basic“ hat Film-Potential, was sicherlich auch auf den durchweg homogenen, aber nie eintönigen Sound zurückzuführen ist. Das zittrig-flippernde „Younger“ – um nur ein Beispiel zu nennen – ist der Opener meines persönlichen Soundtracks.

Musik, die nicht den Anspruch hat vom Hocker zu reißen und trotzdem, ohne dass man es sich so richtig erklären kann, begeistert und die Seele rühren kann. Jemand auf den zwei Daumen zeigen und der das hier gut findet: Ich.




Sonntag, 9. November 2008

People Under The Stairs – Fun DMC



Wenn man wie Thes One und Double K bereits fünf grundsolide Alben auf den Markt geworfen hat und in der Szene eine beachtliche Reputation genießt, dann darf man ruhig mal feiern. „Having fun and not caring about anything“, fasst Double K zusammen. „Fun DMC“ soll uns das Gefühl eines Samstags im Leben der beiden Rapper/Producer vermitteln. Aber mal im Ernst, wer will schon jeden Samstag ähnlich erleben. Versteht mich nicht falsch, ich mag diesen B-Boy slash L.A. slash Barbecue Sound. „San Francisco Knights“ – vom 98er Debut „The Next Step“– oder „Acid Raindrops” – aus „O.S.T.“ – hör ich heute noch gern. Trotzdem vermiss ich die Abwechslung, einen Anflug von Avantgarde oder Rebellion, obwohl das hier ein gutes Album ist. Nur bietet es eben keine Überraschungen. Man könnte „Fun DMC“ durchaus mit Commons „Be“ vergleichen. Tat niemand weh, konnte man gut durchhören und zeigte verdammt viel Melodieverständnis. Fleißpunkte für Kreativanflüge gab‘s aber nicht. „Fun DMC“ vertritt wieder einen gewollt dreckig-angestaubten Sound, angereichert mit eingehenden Melodien und dem Old School Flow der beiden Protagonisten. Wer das mag, ist hier bestens bedient. Allen anderen sei Thes Ones Solo-Instrumentalprojekt „Lifestyle Marketing“ ans Herz gelegt.

Sonntag, 26. Oktober 2008

The Matthew Herbert Big Band_There's Me and there's You


Wer dem politisch engagierten Matthew Herbert und Konsorten unterstellt Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben, indem sie die Welt dogmatisch in zweierlei Typen Mensch unterteilen – auf der einen Seite, die, die immer noch daran glauben, dass Musik eine politische Macht ist und auf der anderen Seite, die, die sich dem Konsum verschrieben haben –, der tut ihnen unrecht. Zwar will sich die 18 köpfige Band mittels einer musikalischen Petition gegen besagte „over-consumption“ aussprechen. Doch auch ihnen ist bewusst, dass es ohne ein gewisses Konsumverhalten keine Veröffentlichung auf !K7 geben könnte. Und das wär verdammt schade, da TMHBB die rare Jazz Ästhetik eines Otis Jackson Jr., elektronischem Stückwerk à la Prefuse und dilla’esques Kastagnettengeklapper mit ordentlich Swing verknüpft. Eine Kombination aus beruhigend-sphärischem Big Band Sound, feindlichen Alltagsgeräuschen und sozialkritischen, erschreckend treffenden Texten. Kein Rädchen greift im perfekten, aber keineswegs sterilen Zusammenspiel der anspruchsvollen Arrangements fehl. Frontfrau und Vokalistin Eska Mtungwazi schmettert ihr Organ so eindrucksvoll wie Shirley Bassey in ihrem größten Erfolg „Goldfinger“. Dazu das bedrohlich auf einen Mord gierende „Waiting“, das sich wunderbar zum Imperativ entwickelnde „Breathe“ und das schleppend reduzierte „Nonsounds“. Ein eindeutiges Ja – „Yessness“ – und eine Erinnerung daran, dass wir nur dieses eine Leben – „One Life“ – haben. Nutze den Tag.